Long Tall Ernie & the Shakers

Quelle: Wikipedia

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Long Tall Ernie & the Shakers – Die niederländischen Rock’n’Roll-Revivalisten mit Kultstatus
Vom Studentenwitz zur Hitfabrik: Wie Long Tall Ernie & the Shakers die Fünfziger neu entfachten
Long Tall Ernie & the Shakers waren mehr als eine Band: Sie waren ein Versprechen auf pure Rock’n’Roll-Energie, eine Bühne für exzellente Musiker und eine der einflussreichsten Revival-Formationen der niederländischen Popgeschichte. 1972 in Arnheim aus der progressiven Formation Moan hervorgegangen, verwandelte der charismatische Sänger Arnie Treffers – besser bekannt als „Long Tall Ernie“ – mit seiner Truppe nostalgische Referenzen in charttaugliche Popkunst. Zwischen druckvollen Singles, virtuoser Bühnenpräsenz und clever arrangierten Medleys schrieb die Gruppe ein Kapitel, das dem europäischen Rock’n’Roll der 1970er einen frischen Puls gab.
Die Musikkarriere der Shakers verband Show und Substanz: raue Gitarren, boogiegetriebenes Piano, schnörkelloser Backbeat – und darüber eine Entertainment-Qualität, die in TV-Studios ebenso funktionierte wie in schweißtreibenden Clubs. Ihre Diskographie spiegelt diese künstlerische Entwicklung: von frühen Rockabilly-Blues-Farben über straighte Rock’n’Roll-Nummern bis zu aufwendig produzierten Medleys, die die Charts in den Niederlanden und darüber hinaus eroberten.
Arnheim, Kunstakademie, Moan: Die prägenden Anfänge
Mitte der 1960er entstand in Arnheim die Band The Moans (später Moan), ein kreatives Kollektiv um Kunstakademiestudenten. In diesem Umfeld kreuzten früh Karrieren, die später niederländische Musikgeschichte schreiben sollten: Unter den frühen Mitgliedern und Weggefährten tauchen Namen wie Herman Brood, Jaap Dekker und Jaap van Eik auf. Aus Auftritten, bei denen die Gruppe vor der Pause progressive Rockmusik spielte und danach – verkleidet im 50s-Look – als Long Tall Ernie & the Shakers Rock’n’Roll coverte, wurde 1972 zunächst eine augenzwinkernde Zweitidentität.
Der entscheidende Schritt folgte 1973: Unter Manager Rein Muntinga rückte der Rock’n’Roll-Teil ins Zentrum, das progressiv-psychedelische Rahmenprogramm verschwand. Gegen den Zeitgeist setzten die Shakers konsequent auf Authentizität, Humor und pointierte Provokation. Gerüchte über wilde Bühnenaktionen kursierten, TV-Auftritte und Tourneen in Deutschland folgten. Innerhalb kürzester Zeit wandelte sich der Gag zum Markenkern – und Long Tall Ernie & the Shakers traten fortan ausschließlich unter ihrem neuen Namen auf.
Profil, Personal, Präzision: Das Ensemble und seine Rollen
Die Besetzung las sich wie ein Who’s who des niederländischen Rock der 1970er. Frontmann Arnie Treffers gab dem Projekt Stimme, Figur und Haltung; Jan „Jumping Johnny“ Rietman prägte in den frühen Jahren die Klavierläufe; Henk „The Knife“ Bruysten steuerte die Bassfundamente bei; Alfons „Alfie Muscles“ Haket zeichnete für robuste Gitarrenarbeit verantwortlich; Alan „Tenderfoot“ Macfarlane saß am Schlagzeug. Später stießen u. a. der Saxofonist Tony Britnell, Gitarrist Karl Buskohl (später als Carl Carlton bekannt), Bassist Ruud van Buuren und Drummer Jan Pijnenburg dazu. Diese personelle Dynamik stärkte die Band – ihr Sound blieb stilistisch treu und gewann zugleich an Arrangement-Finesse.
Die Bühnenpräsenz war ein Markenzeichen. Long Tall Ernie & the Shakers nutzten Choreografie, humorvolle Ansagen und einen kompakten, hart groovenden Bandsound, um Rock’n’Roll nicht nur zu zitieren, sondern zu inszenieren. Das Ergebnis: Shows mit temporeichem Repertoirefluss, die das Publikum unmittelbar mitnahmen und dem klassischen Material spürbar neues Leben einhauchten.
Durchbruch mit Singles: Vom Rock’n’Roll-Update zur Hitmaschine
Bereits 1973 bis 1976 legten die Shakers mit eigenständigen Rock’n’Roll-Stücken die Basis für ihren späteren Chartlauf: „Big Fat Mama“, „Get Yourself Together“, „Allright (Makin’ Love in the Middle of the Night)“ oder „Operator, Operator (Get Me A Line)“ etablierten eine Handschrift aus treibendem Beat, Call-and-Response-Hooks und raffinierten Gitarrenfiguren. In den Niederlanden wurden mehrere dieser Songs zu Top-40-Erfolgen, was die Band tief in der Popkultur verankerte.
Der Wendepunkt hin zur nationalen Spitzenposition kam 1977 mit „Do You Remember“. Die Single – eine prägnant arrangierte Medley-Kollage klassischer Fünfziger-Hits, verbunden durch eine eigene Hook und modernen Studiozuschnitt – erreichte im Oktober 1977 Platz 1 der niederländischen Top 40 und hielt sich 14 Wochen in der Liste. Damit setzten Long Tall Ernie & the Shakers einen Stilmaßstab, der dem Revivalgedanken eine zeitgemäße Produktionsästhetik gab.
Die Medley-Ära: „Do You Remember“ (1977) und „Golden Years Of Rock ’n’ Roll“ (1978)
„Do You Remember“ war musikalisch mehr als Nostalgie: Die Produktion fokussierte auf straffe Tempi, klar konturierte Snare, prominent gesetztes Piano und Gitarren-Riffs, die die Zitate organisch verbanden. Arrangiert als dramaturgische Reise durch das Rock’n’Roll-Repertoire, funktionierte der Song zugleich als Hommage und als eigenständiger Pop-Track der späten 1970er. Der Erfolg bereitete den Boden für „Golden Years Of Rock ’n’ Roll“ (1978), ebenfalls als Medley konzipiert, das die Top 10 der niederländischen Charts erreichte und in mehreren europäischen Märkten präsent war.
Die Single-Kopplungen, die Credits der zitierten Klassiker und die präzise Produktion verstärkten den Eindruck: Hier spielte eine Band, die die Geschichte liebt und technisch weiß, wie man sie ins Heute überträgt. Produzent Jaap Eggermont, der später mit Stars on 45 weltweit Maßstäbe für hitparadentaugliche Medley-Produktionen setzte, verfeinerte zusammen mit den Shakers die Kunst, stilistische Kontinuität aus heterogenem Material zu formen – mit echter Bandenergie statt bloßer Studioeffekthascherei.
Diskographie – Alben, Singles, Eckdaten
Zwischen 1972 und 1979 veröffentlichten Long Tall Ernie & the Shakers eine Reihe von Studioalben, die den Weg vom rohschimmernden Revival-Sound zum ausgefeilten Pop-Rock’n’Roll markieren. „Put On Your Rockin’ Shoes“ (1972) zeigt die Band im Aufbruch; „It’s a Monster“ (1973) und „Shubiduda Shubi-Du-Dad!“ (1974) fächern das stilistische Vokabular auf; „In the Night“ (1976) und „Those Rockin’ Days“ (1978) verankern den druckvollen Livesound in der Studiologik; „Do You Remember“ (1977) bündelt den Medley-Erfolg; „Meet the Monsters“ (1979) spielt mit thematischen Konzeptideen. 1994 dokumentiert „The Demo Recordings“ die Werkstatt der Band. Sammlungen wie „The Best“ (1979) und „The Golden Years of Dutch Pop Music“ (2015) halten das Œuvre im Katalog präsent.
Auf Single-Ebene stachen in den niederländischen Top 40 – neben den Medleys – u. a. „Big Fat Mama“, „Get Yourself Together“, „Allright (Makin’ Love in the Middle of the Night)“, „Turn Your Radio On“, „You Should Have Seen Me (Rock ’n’ Rollin’)“, „Rockin’ Rocket“, „Ballerina“ und „Operator, Operator (Get Me A Line)“ hervor. Diese Titel bilden das Rückgrat der Shakers-Setlists – kompakt, hookstark und mit hohem Wiedererkennungswert arrangiert.
Stil & Sounddesign: Zwischen Rockabilly-Grundierung und Pop-Arrangement
Das Genre der Band war Rock ’n’ Roll – aber in der 1970er-Textur: knackige Snare, trockener Bass, gitarristische Trennschärfe, Piano-Voicings mit Boogie-Drive und vokale Arrangements, die den Chor- und Shout-Charakter des Fünfzigerjahre-Pop nutzen. Die Produktion arbeitete mit klaren Stereobildern, um Zitatpassagen und Eigenmaterial lebhaft zu verzahnen. Dieser Ansatz erklärt die Nachhaltigkeit der Singles im Radio: Die Tracks klingen zugleich vertraut und modernisiert, nostalgisch und doch zeitgemäß punchy.
In der Komposition und im Arrangement verbanden Long Tall Ernie & the Shakers schlichte, effektive Songformen mit dramaturgischer Kuratierung: Die Medleys wurden so gebaut, dass Tempi, Tonarten und Schlagmuster nahtlos übergehen. Damit wirkte die Band nicht wie ein Cover-Ensemble, sondern wie ein kuratierendes Kollektiv – ein wichtiger Unterschied, der künstlerische Autorität stiftete und die Live-Übertragung auf die Bühne überhaupt erst möglich machte.
Produktion, Kollaborationen und Songwriting-Kompetenz
Ein Schlüsselaspekt der Shakers war ihre professionelle Produktionsumgebung. Jaap Eggermont stand für einen Sound, der Transparenz und Schlagkraft ausbalancierte. Zusammen mit Saxofonist/Keyboarder Tony Britnell schrieb Arnie Treffers zudem Songs für andere Künstler – ein Beleg dafür, wie tief die Band in die Pop-Industrie der Niederlande eingebunden war. Diese Doppelexistenz als Live-Act und als kreativer Pool vergrößerte ihren Einfluss über die eigenen Veröffentlichungen hinaus.
Dass ein holländischer Rock’n’Roll-Act der 1970er Jahre die nationale Nummer 1 eroberte, zeigt, wie stimmig künstlerische Entwicklung und Produktions-Know-how ineinandergriffen. Long Tall Ernie & the Shakers erreichten ihre größte Reichweite, als ihre Medley-Ästhetik auf einen breiten Nostalgie-Trend traf – und gleichzeitig durch handwerkliche Qualität aus der Masse heraustrat.
Kulturelle Einordnung: Revival mit Reichweite und ein nachhaltiges Erbe
Im internationalen Kontext spiegeln die Shakers den zyklischen Charakter der Popgeschichte: In den späten 1970ern kehrte der Rock’n’Roll auf vielen Bühnen zurück – mal als puristischer Rockabilly, mal als popaffines Update. Die Shakers standen für letztere Ausprägung: Sie erwiesen den Originalen Respekt, modernisierten aber Struktur und Klang. Dadurch wurde Rock’n’Roll wieder massenkompatibel, ohne seine Essenz zu verlieren.
Das Vermächtnis wirkt doppelt nach. Erstens dienten die Medley-Erfolge als Blaupause für spätere Projekte, die das Prinzip der nahtlosen, rechtlich sauber produzierten Zitat-Collage in den Mainstream trugen. Zweitens hält der Backkatalog – ob in Reissues, Sammlungen oder Playlists – die Präsenz der Band bis heute wach. Als Arnie Treffers 1995 früh verstarb, war die Band zwar längst aufgelöst (1982), doch ihr Sound blieb in Radioarchiven, TV-Aufzeichnungen und Sammlerregalen lebendig. 2012 formierten sich Originalmitglieder für ein Tribute-Konzert in Arnhem – ein starkes Zeichen für die ungebrochene Popularität.
Fazit: Warum Long Tall Ernie & the Shakers heute noch mitreißen
Long Tall Ernie & the Shakers sind eine Referenz für energiegeladenes Storytelling im Rock’n’Roll-Format. Ihre Musikkarriere zeigt, wie man Genretraditionen mit Popinstinkt verbindet, ihre Bühnenpräsenz bewies, dass Entertainment und musikalische Integrität keine Gegensätze sind. Wer die Wucht klassischer Riffs, das Funkeln eines Boogie-Pianos und das dramaturgische Vergnügen cleverer Medleys liebt, findet hier eine Band, die Herz und Handwerk perfekt vereint. Zeit, die Klassiker wieder laut aufzulegen – und die Shakers dort zu hören, wo sie am meisten glänzen: auf einer Bühne, die nach Benzin, Sommernächsten und Refrains zum Mitsingen klingt.
Offizielle Kanäle von Long Tall Ernie & the Shakers:
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Quellen:
- Wikipedia (de) – Long Tall Ernie & the Shakers
- Long-Tall-Ernie.nl – Biografie, Line-ups, Historie (Fan-Archiv)
- Stichting Nederlandse Top 40 – Do You Remember (1977), Peak #1
- Stichting Nederlandse Top 40 – Golden Years Of Rock ’n’ Roll (1978)
- hitparade.ch – Golden Years Of Rock ’n’ Roll (Datenblatt)
- Muziekweb – The Golden Years of Dutch Pop Music (Compilation, 2015)
- Nederpop Encyclopedia (alexgitlin.com) – Long Tall Ernie & Shakers (Historie, Diskographie)
- Apple Music – Long Tall Ernie & the Shakers (Katalogübersicht)
- Wikipedia (en) – Dutch Top 40 Number-One Singles 1977 (Do You Remember)
- Wikipedia: Bild- und Textquelle
